Weiste · ACCORD

Familie & Unternehmen

»Sie verbanden uns, sie trieben uns an, sie entzweiten uns aber auch.«

So beginnt Helmut Weiste sein Buch – über die Erfindungen, erst die seines Vaters, später die eigenen. Die Geschichte von ACCORD ist nicht zu trennen von der Geschichte einer Familie: von Stolz, Streit, Verlust und Versöhnung.

Die »Weiste Betonbau AG«: 75 Kubikmeter Beton in 7,5 Stunden, Soest 1963.
Die »Weiste Betonbau AG«: 75 Kubikmeter Beton in 7,5 Stunden, Soest 1963.ACCORD – Helmut Weiste

Heinrich Weiste, der Gründer

Landwirt in Sieningsen, einem Dorf von sechs Höfen in der Soester Börde. Vor dem Krieg pflanzte er tagelang Kohl von Hand; abends schmerzte der Rücken. »Ich wollte es lieber bequemer haben«, sagte er später mit einem Lächeln. Aus diesem Satz entstanden erst Holzmodelle, dann – nach der Rückkehr aus der Gefangenschaft – die erste einsatzfähige Pflanzmaschine Deutschlands, gebaut im ehemaligen Viehstall.

Sieningsen in der Soester Börde: Hof und Werk der Familie Weiste.
Sieningsen in der Soester Börde: Hof und Werk der Familie Weiste.ACCORD – Helmut Weiste

1948 gründete er die Heinrich Weiste & Co GmbH. Er baute Werkshallen in Eigenleistung, goss Hohlblocksteine aus Splitt, Zement und Asche von Ruhrgebiets-Halden und errichtete zwei Wohnhäuser für Mitarbeiter. Er war ein Mann der großen Visionen: Als sein Sohn ihm 1965 vorschlug, die Körner mit Luft zu befördern, hatte er binnen Wochen ein ganzes System von Anwendungen im Kopf und meldete 1966 drei Patente an – bevor auch nur ein Gerät gebaut war.

Genau diese Stärke wurde zum Problem. Er setzte auf Maschinen mit 10 und 12 Metern Arbeitsbreite für Großbetriebe, während in Westdeutschland 7.475 von 7.841 verkauften Drillmaschinen (1981) schmaler als 3 Meter waren. Prototypen gingen ohne gründliche Tests in die Serie. 1974 musste das Unternehmen den Vergleich beantragen; 1976 verwertete die Bank den Hof in Sieningsen. »Für ihn ging das Erbe seiner Vorfahren verloren«, schreibt sein Sohn. »Das hatte er allerdings selbst aufs Spiel gesetzt.«

Heinrich Weiste starb in der Nacht zum 15. Juli 1981 – am Morgen jenes Tages, an dem die Verhandlung stattfand, die das Unternehmen finanziell rettete.

Marie Weiste

Geborene Trelle, Mitbegründerin der Firma. In den Aufbaujahren erledigte sie Buchführung und Lohnabrechnung, bis der Aufwand zu groß wurde und ein kaufmännischer Geschäftsführer eingestellt wurde. Sie kaufte die Konserven für die achtwöchige Moskaureise 1966 ein. Ihr Hof in Elfsen wurde – wie der ihres Mannes – für die Firma verpfändet; Teilflächen wurden gepfändet und verkauft. 1998, zum 50-jährigen Jubiläum, saß sie als Ehrengast in der Soester Stadthalle.

Helmut Weiste

Dipl.-Ing., Dipl.-Wirt.-Ing. Helmut Weiste.
Dipl.-Ing., Dipl.-Wirt.-Ing. Helmut Weiste.ACCORD – Helmut Weiste

Geboren am 9. Juni 1945 in Bad Sassendorf. Aufgewachsen mit drei Schwestern, erzogen zur Landwirtschaft vom Großvater, der auf Ordnung hielt: Schare, Schaufeln und Hacken mussten nach der Arbeit gesäubert und eingefettet werden. Mit zehn Jahren fuhr er den 11er-Deutz, mit fünfzehn den Unimog durch die Obstplantage.

Er verließ das Gymnasium mit der Mittleren Reife, wurde Maschinenschlosser, erfand mit 17 die Dreiecks-Kupplung, studierte ab 1965 in Köln und schloss 1968 als Bester seines Semesters ab. Nach den Reklamationen kam er 1968 in die Firma, ging 1969 im Streit zum Aufbaustudium nach Pforzheim und kehrte 1971 zurück. 1973 wurde er Geschäftsführer, 1999 schied er aus.

Was ihn als Konstrukteur ausmachte, hat er selbst so beschrieben:

Eine Lösung finden, die gut und einfach ist und mit wenigen Elementen auskommt. Das ist vorteilhaft für die Produktion, die Kosten und den Kunden. Helmut Weiste über seine Philosophie bei Entwicklungskonzepten

Und was ihn trug: Joggen ein- bis zweimal die Woche gegen die Rückenschmerzen einer Wirbelsäulenverkrümmung, die »Jedermänner« im Turn- und Sportverein Bad Sassendorf, Bergtouren in den österreichischen Alpen. »Die körperliche Anstrengung und die Konzentration auf eine Sache brachten Entspannung und neue Kraft. Dazu kamen die Ruhe und Abgeschiedenheit oben in den Bergen – und eine Woche lang kein Telefon.«

Der Vater-Sohn-Konflikt

Er beginnt mit einer Unterschrift. Am 29. Februar 1964 schloss Heinrich Weiste mit seinem 17-jährigen Sohn einen GbR-Vertrag, der ihm die Auswertungsrechte und 51 Prozent der Lizenzeinnahmen aus dem Kuppeldreieck zusicherte. Wenige Tage später wurde das Patent auf seinen Namen angemeldet – auf Rat des Patentingenieurs, weil der Sohn minderjährig war. Der Vater ließ sich als Miterfinder eintragen.

Bei der pneumatischen Verteilung wurde der Sohn nicht einmal als Miterfinder genannt.

Acht Jahre später, im Januar 1972, löste der Vater den Vertrag schriftlich auf:

Helmut Weiste ist der alleinige Erfinder der Dreiecks-Schnellkupplung, Deutsches Patent Nr. 1 215 419. Der GBR-Vertrag vom 29. Februar 1964 weist Eigentumsrechte aus, wie sie gar nicht bestehen. Er wird hiermit aufgelöst. Heinrich Weiste, Januar 1972

»Doch das Vertrauen blieb gebrochen«, schreibt Helmut Weiste. Der Konflikt begleitete beide durch die 1970er-Jahre: Briefe nach Des Moines, in denen der Vater dem Sohn Vorwürfe zur Unternehmensführung machte; Empfehlungen an John Deere, die an der eigenen Firma vorbeigingen; eine Geschäftsführungsbesprechung 1972, in der eine sachliche Diskussion nicht zustande kam, weil der Hauptgesellschafter sich »von keinem etwas vorschreiben« ließ.

Was der Sohn dem Vater verdankt

»Erhalten bleiben soll aber auch die gute Erinnerung: Meinem Vater und seiner Pflanzmaschine habe ich den mutigen Zugang zum Entwickeln neuer Lösungen und damit den Grundstein für unser Familienunternehmen zu verdanken.«

Dass Helmut Weiste diesen Konflikt in seinem Buch offen aufschreibt, ist ungewöhnlich für eine Firmenchronik. Bernard Krone nannte es in seinem Geleitwort »eine berechtigte Warnung für die vielen Familien in der Landtechnik-Branche«.

Bärbel Weiste

Helmut und Bärbel Weiste, 15. August 1975.
Helmut und Bärbel Weiste, 15. August 1975.ACCORD – Helmut Weiste

Sie studierte an der Pädagogischen Hochschule Münster für das Lehramt, als sie Helmut Weiste kennenlernte – in den härtesten Monaten der Firmengeschichte. »Mit ihrer Fröhlichkeit war sie für mich in dieser schwierigen Zeit das sprichwörtliche Balsam für die Seele«, schreibt er. Und: »Bärbel half mir, Mut zu fassen und weiter um die Existenz der Firma zu kämpfen.«

Am Neujahrstag 1975 der Antrag in St. Peter-Ording, am 15. August die Hochzeit – der Bräutigam kam zehn Minuten zu spät, weil sich eine Besprechung hinzog und der Brautstrauß noch abzuholen war. 1977 kam Tochter Mira zur Welt, 1978 Sohn Arno, einen Tag nach der DLG-Ausstellung.

Ihre zweite Laufbahn begann an einem Apple-Macintosh. Für die Ersatzteilkataloge hatte die Firma ein DTP-System angeschafft; Bärbel Weiste lernte es, entwickelte technische Grafiken für Schulungen und Prospekte und brachte im Dezember 1991 die erste Ausgabe der Mitarbeiterzeitschrift heraus – acht Seiten, schwarz-weiß. 1994 wurde daraus der zweisprachige ACCORD REPORT. Sie gestaltete die Jubiläumsbroschüre zum 50-jährigen Bestehen in vier Sprachen. Und sie machte Satz und Layout des Buches, um das es hier geht.

Nur durch ihren engagierten Einsatz bei der digitalen Erfassung und Bearbeitung der vielen Bilder konnten wir diese technisch und historisch einzigartige Dokumentation zusammenstellen.Helmut Weiste im Schlusswort seines Buches
Die Firmenzeitschrift – ab 1994 zweisprachig als ACCORD REPORT.
Die Firmenzeitschrift – ab 1994 zweisprachig als ACCORD REPORT.ACCORD – Helmut Weiste

Mira und Arno

Arno und Mira Weiste, 5 und 6 Jahre alt, auf der Schutthalde des neu erworbenen Geländes, 1983.
Arno und Mira Weiste, 5 und 6 Jahre alt, auf der Schutthalde des neu erworbenen Geländes, 1983.ACCORD – Helmut Weiste

Sie kommen im Buch an zwei Stellen vor. 1983, fünf und sechs Jahre alt, begleiten sie ihren Vater gern auf die Baustelle des neu erworbenen Nachbargrundstücks – dort lagerte auf 4.000 Quadratmetern Abraum, und die Schutthalde war abenteuerlich.

Und 1998, zum 50-jährigen Jubiläum in der Soester Stadthalle: Durch das Programm führte Arno Weiste, der in seiner Freizeit beim lokalen Sender Hellweg Radio moderierte – und sich, wie sein Vater schreibt, »mehr für die neuen Medien als für Landmaschinen« interessierte. Er interviewte drei Kunden aus drei Epochen, darunter Hedwig Mertens aus Bettinghausen:

Mein Mann kaufte für den 8-ha-Betrieb 1954 eine Pflanzmaschine in Sieningsen. Da war noch eine Bimmel dran, die den Takt angab für das Einlegen der Pflanzen. Hedwig Mertens, 1998

Das Unternehmen

ACCORD
Aus dem Akkord-Lohn in der Fertigung wurde der Markenname AKKORD, Jahre später ACCORD. Die Firma hieß ab 1977 offiziell so, das Zeichen trägt das Dreieck von 1964.
Stationen der Gesellschaft
JahrWas geschah
1948Gründung der Heinrich Weiste & Co GmbH in Sieningsen
1961Umzug nach Soest, Industriegebiet Süd-Ost
1970105 Beschäftigte, 7,2 Mio. DM Umsatz – Gewinn nur mit den alten Produkten
1973Walter Born und Helmut Weiste werden Geschäftsführer
1974Vergleichsverfahren; Quote 40 Prozent in sechs Raten
1976Vergleich erfüllt. Heinrich Weiste überträgt seine Anteile an seine vier Kinder
1977Umbenennung in ACCORD Landmaschinen Heinrich Weiste & Co. GmbH
1981Sale & Lease Back: Das Werk wird verkauft und zurückgemietet
1983Die jüngeren Schwestern verkaufen ihre Anteile; Walter Born wird Gesellschafter
1985Beteiligung an der Firma Fähse, Düren
1989Übernahme von Fähse und der Lippetaler Kunststoff-Technik
199249 Prozent am britischen Importeur Ferrag
1994Vertriebs- und Kooperationsvertrag mit Kverneland ASA
1996Kverneland übernimmt ACCORD zu 100 Prozent
1999Helmut Weiste scheidet aus der Geschäftsführung aus
2000Übernahme der Einzelkorn-Sätechnik von der Firma Kleine
200874 Mio. € Umsatz; die Produktion in Soest stößt an ihre Grenze
2011/12Größtes Erweiterungsprojekt der Firmengeschichte: über 10 Mio. €
Das Werk in Soest, 1997: rund 38.000 Quadratmeter entlang des Coesterwegs.
Das Werk in Soest, 1997: rund 38.000 Quadratmeter entlang des Coesterwegs.ACCORD – Helmut Weiste

Die Weggefährten

Helmut Weiste nennt in seinem Buch auffällig viele Namen – auch dort, wo andere Chroniken »das Unternehmen« schreiben würden. Eine Auswahl:

Ernst Ullmann

Schlosser bei Weiste, in Böhmen zum Kupferschmied ausgebildet. Hämmerte 1965 das erste Wellrohr und brachte die Stroboskoplampe mit, die die Zwei-Phasen-Strömung sichtbar machte. Begann 1963 in seiner Garage in Oestinghausen mit Kunststoff-Spritzguss und baute daraus eine eigene Firma auf. Gestorben 1985.

Walter Born

1969 als Leiter des Einkaufs eingestellt, ab 1973 Geschäftsführer, ab 1983 Gesellschafter; verantwortlich für Verwaltung, Finanzen und Vertrieb. Schloss die Produktions-Unterbrechungs-Versicherung ab, die nach dem Brand 1985 alle Kosten deckte. Gründete den Firmenchor.

Norbert Kleine

Verkaufsförderung ab 1962. Führte 1963 mit dem 17-jährigen Helmut Weiste in Irland vor und leitete 1966 die achtwöchige Reise nach Moskau und über den Balkan – mit frisch operiertem Fuß auf der Sitzbank.

Gerd Stüttgen

Ab November 1975 »meine rechte Hand« bei der Entwicklung der DL. Hatte die entscheidende Idee zum CX-Schar und konstruierte den Rahmen der OPTIMA-L für den ukrainischen Markt in einer Woche.

Ferdinand Schumacher sen. und jun.

Der Vater kam von IHC Neuss, konstruierte die Unimog-Betonmischer und baute als Hobbyelektroniker 1980 die erste elektronische Fahrgassenschaltung. Der Sohn führte das 3D-CAD ein und konstruierte in wenigen Stunden die schlanke Version des CX-Schares.

George Randles

Begann 1976 als Vorführer beim britischen Importeur, wurde Geschäftsführer und machte Großbritannien zum größten Absatzmarkt – 46 Prozent Marktanteil. Seine Devise: Listen to the customer. Aus der Zusammenarbeit wurde eine Freundschaft.

Peter Penner

Agraringenieur aus Orenburg, Ende 1989 mit seiner Familie nach Soest übergesiedelt. Erschloss ab 1992 die Märkte in der Ukraine, Russland und Kasachstan – in den ersten Jahren an die 200 Reisetage im Jahr.

Karl-Ulrich Korn

1984 als Kundendienst-Ingenieur eingestellt, baute die erste Kundendienstabteilung auf. Fand in Schottland heraus, warum ein Streuer-Rechner immer auf derselben Hügelkuppe abstürzte: eine 200.000-Volt-Freileitung, sechs Meter über dem Boden.

Dr.-Ing. Till Meinel

1991 von der TU Dresden gekommen, zunächst als Technischer Redakteur. Ab 2000 Nachfolger von Helmut Weiste als Leiter von Forschung und Entwicklung in Soest.

Und die Belegschaft

Jede tausendste Maschine wurde gefeiert. 1985 wurden trotz des Brandes zweitausend Drillmaschinen montiert. In der Rezession der frühen 1990er musste die Zahl der Mitarbeiter von 300 auf 240 sinken – »was es in diesem Umfang bisher noch nicht gegeben hatte«.

Mein Dank gilt den ACCORD Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die mich durch alle Höhen und Tiefen begleitet und viel zum Erfolg des ACCORD PNEUMATIC-Systems beigetragen haben.Helmut Weiste, Schlusswort