Die Technik
Das ACCORD PNEUMATIC-System
Seit 1785 dosierten Drillmaschinen das Saatgut mit vielen kleinen Särädern und ließen es in Reihen fallen. Das ACCORD-System kehrt das Prinzip um: ein Dosiergerät für die ganze Maschinenbreite, ein Luftstrom als Transportmittel, ein Verteiler, der den Strom teilt. Damit lässt sich der Saatgutbehälter von den Säscharen trennen – und alles Weitere folgt daraus.
Der Weg des Korns

Das Gebläse (1) erzeugt den Luftstrom. Das Dosiergerät (2) schleust das Saatgut in die Förderleitung (3) ein. Auf dem Weg nach oben durchläuft das Korn-Luft-Gemisch das Wellrohr (4), das die Körner gleichmäßig über den gesamten Rohrquerschnitt verwirbelt. Der Verteiler (5) teilt den Strom auf die Saatschläuche (6), die zu den Säscharen (7) führen.
Der entscheidende Punkt sitzt im Wellrohr. Ein Luft-Korn-Gemisch ist eine Zwei-Phasen-Strömung: Die Körner fliegen nicht brav in der Mitte, sondern sammeln sich – getrieben von Fliehkraft und Drall – in Strähnen an der Rohrwand. Ein Verteiler, der einen solchen Strom aufteilt, verteilt nicht gleichmäßig. Die Wellung mischt die Körner vorher wieder durch.
Drei Merkmale
Zentrale Dosierung

Aus einem zentralen Tank dosiert ein einziges geschlossenes Zellenrad für die ganze Maschinenbreite – exakt volumenmäßig, von Raps über Getreide und Mais bis zu Erbsen und Bohnen. Was einmal abgedreht ist, wird auch ausgebracht: unabhängig von Fahrgeschwindigkeit, Erschütterungen oder Hanglage. Bis 12 km/h liegt der Liefergrad nahezu bei 100 Prozent.
Bei der DL-Generation wird das Zellenrad unten von einer Gummilippe und oben von einer Nylonbürste abgedichtet. Das verhindert Kornbruch – ein englischer Farmer hatte zuvor beobachtet, wie an der festen Dichtschale seine Bohnen abgeschert wurden.
Pneumatische Verteilung
Weil der Luftstrom das Saatgut trägt, können die Säschare dort sitzen, wo sie pflanzenbaulich hingehören – und nicht dort, wo der Kasten steht. Daraus folgen Anwendungen, die mit mechanischen Drillmaschinen gar nicht möglich sind:
- Breitsaat unter Flügelscharen, direkt auf der feuchten Bodenschicht
- Dünger mit einem kombinierten Saat-Dünger-Schar unter oder neben der Saat
- Dünger oder Herbizid-Feingranulat über Prallverteiler breitflächig über dem Boden
- Saatgut und Dünger gemischt in einer Leitung – oder getrennt in zwei


Getrennter Behälter
Tank, Dosiergerät und Gebläse bilden eine kompakte Einheit, die auf einem Trägerfahrzeug sitzt: auf dem Schlepper, vorn im Fronttank, auf einem gezogenen Tankwagen. Daran lassen sich verschiedene Geräte kuppeln – mit unterschiedlichen Säscharen und Bodenbearbeitungswerkzeugen. 1966 hielten viele Besucher des Feldtages das für utopisch. Zwanzig Jahre später war es der Grund, warum ACCORD die Fronttank-Drillmaschine DF bauen konnte: Bei 4 und 6 Metern Arbeitsbreite wurde die Last auf den Hinterrädern sonst so groß, dass tiefe Fahrspuren und Bodenverdichtungen entstanden.
Wie genau ist genau?
Die Güte einer Querverteilung misst man als Variationskoeffizient (VK) – je kleiner, desto gleichmäßiger. Die Geschichte des Systems ist die Geschichte dieser Zahl:
| Lösung | Jahr | Abweichung |
|---|---|---|
| Zyklon- bzw. »Triesel«-Verteiler | 1965 | 30–50 % |
| Prall-Verteiler | 1965 | ±30 % |
| Flach gedrücktes Förderrohr | 1965 | ±10–15 % |
| Wellrohr aus gehämmertem Kupfer | 1965 | ±5–8 % |
| Wellrohr mit radialem Leitblech | 1965 | +4,4 / −2 % |
| DS mit Ober- und Unterverteilern | 1968 | VK 6–10 % |
| DL mit senkrechter Injektorschleuse | 1977 | VK 2–5 % |
| Rund-Rohrbogen (gezogene Maschinen) | vor 1998 | VK 7,2 % |
| Flach-Rohrbogen | 1998 | VK 2,3 % |
Zum Vergleich: Nach dem Beurteilungsmaßstab der DLG gilt ein VK über 6,3 Prozent als nicht ausreichend; die Note »gut« erhält, wer zwischen 2,0 und 3,2 liegt. Die alte Saxonia-Drillmaschine mit Nockensärädern lag 1965 bei 7 bis 10 Prozent, die damals neue Stockland mit Zentrifugalverteiler bei 15 bis 18.


Was das auf dem Feld bedeutet
Der wirtschaftliche Vorteil war zunächst offensichtlich: mehr Arbeitsbreite, weniger Arbeitsgänge. Der ökologische Vorteil kam später dazu – und wurde entscheidend.
Ökonomisch
- Kultivieren, Säen und Düngen in einem Arbeitsgang
- 50 bis 60 Prozent weniger Arbeitszeit und Energie (Australien, 1971)
- Schnelles, zentrales Befüllen statt vieler kleiner Kästen
- Aussaat im kurzen optimalen Zeitfenster
Ökologisch
- Winderosion wird verhindert, weil der Boden kaum bewegt wird
- Weniger Wasserverlust durch Verdunstung
- Saat auf der feuchten Bodenschicht – bessere Keimbedingungen
- Pflanzenrückstände bleiben an der Oberfläche
Die Untersuchungen von Prof. Hermann Heege und Jürgen Mahlstedt am Institut für Landtechnik in Bonn und später an der Universität Kiel lieferten dazu die Zahlen: Breitsaaten brachten im Durchschnitt 7,6 Prozent Kornmehrertrag gegenüber Drillsaat mit 15 cm Reihenweite – Voraussetzung ist eine gleichmäßige Kornbedeckung. Im Ertragsvergleich verschiedener Scharabstände lag Drillsaat bei 100, Bandsaat bei 104 und Breitsaat bei 107 Prozent.

Und die Einwände?
Auf dem Feldtag 1966 gab es Lob – und Skepsis. Was sollten 10 Meter breite Sämaschinen auf einem deutschen Hof von durchschnittlich 10 Hektar? Verteilt die Luft wirklich gleichmäßig? Wird die Beize abgeblasen? Beschädigt der Aufprall die Keime?
Die Einwände waren berechtigt, und einige wurden teuer bezahlt. Die erste Serie kam zu früh auf den Markt. Erst nach den Reklamationen von 1969 verstand man die Strömung gut genug, um sie zu beherrschen. Die Institute halfen dabei nur begrenzt: Die Bonner Untersuchung, die dem System eine schlechte Verteilung bescheinigte und jahrelang in der Fachpresse zitiert wurde, war nicht mit Original-Bauteilen und ohne Leitvorrichtungen in den Bögen durchgeführt worden.
Air seeding has taken the world by storm and is really one of the few major advances that have been made, changed an industry. Terry Friggstad, Air-Seeder-Konstrukteur und erster Anwender in Kanada
Ein Satz, der alles erklärt
»Auf der Suche nach einem neuen Säsystem musste ich mich in die schwer greifbare
Luft-Körner-Strömung hineinversetzen – die unerklärlichen Abweichungen der Verteilung
erforschen.«
Helmut Weiste über den Sommer 1965
