Weltweite Wirkung
Der lange Weg von Melbourne nach Saskatoon – und zurück
Die Erfindung setzte sich nicht dort durch, wo sie gemacht wurde. Sie ging erst nach Australien, dann nach Nordamerika, dann in den Osten – und kam breiter, effizienter und vielseitiger zurück.
Australien: der erste Air Seeder der Welt

Im Sommer 1970 stand ein älterer Herr unangekündigt in Soest: Mr. Shea aus Australien hatte das System auf der Royal Show in England gesehen. Heinrich Weiste war nicht im Betrieb, also empfing ihn sein Sohn. Shea sprach die Informationen über seine Firma und die australischen Anforderungen direkt auf Helmut Weistes Diktiergerät und bestellte zwei Satz Komponenten.
Im Dezember 1971 flog Helmut Weiste nach Sunshine bei Melbourne. Was Connor Shea dort gebaut hatte, hieß Wideline Seeder: ein Säkultivator, der nach der Ernte direkt in den Stoppelacker sät – kultivieren, säen und düngen gleichzeitig, auf 10 Metern Arbeitsbreite. Arbeitszeit und Energiebedarf sanken um 50 bis 60 Prozent.
Entscheidend aber war der ökologische Effekt: Winderosion wird verhindert, Wasserverluste durch Verdunstung werden minimiert. In einem Land, in dem nur auf 10 Prozent der Fläche Ackerbau möglich ist, war das kein Nebeneffekt. Innerhalb von zehn Jahren verdrängten die Air Seeder die Drillsaat und erreichten 65 Prozent Marktanteil.
Bei den Verhandlungen saß ein 26-jähriger Ingenieur gestandenen Managern gegenüber. Sein Vater hatte ihm aufgetragen, nur eine nicht ausschließliche Lizenz zu vergeben. Helmut Weiste entschied anders und unterschrieb den ersten exklusiven Lizenzvertrag.
Sie waren angetan von der neuen Sätechnik und zuversichtlich, den Markt damit aufrollen zu können. Ich spürte, ihnen kann ich vertrauen. Helmut Weiste über Mr. Connor und Mr. Shea, Dezember 1971
Weitere australische Hersteller folgten: Gason (1977), Allfarm (1978), John Shearer (1978, erstmals mit Drucktank-System), Forward Engineers mit Fuson (1980), Napier (1978). 1980 wurden 1.000 Air Seeder verkauft – bis 1983 fiel die Zahl wegen der größten Dürre der Geschichte auf 300.
Nordamerika: John Deere, Friggstad, Flexi-Coil

1976 kam über den holländischen Importeur wieder Kontakt zu John Deere zustande. Im September 1977 flog Helmut Weiste nach Des Moines, Iowa – und erlebte dort eine Überraschung: Der Entwicklungsleiter legte ihm einen Brief seines Vaters vor, der John Deere dessen Runddosiergerät empfahl. Helmut Weiste erklärte sachlich, warum es ungeeignet war. Damit war die Sache vom Tisch.
Auf einer Farm im äußersten Westen von Kansas sah er zum ersten Mal die pneumatische Aussaat von Weizen auf 12 Metern Breite, mit schweren Zinkenscharen direkt in ungepflügten Boden. Ein Fahrer schaffte 64 Hektar am Tag.
Im Februar 1978 besuchte Terry Friggstad aus Saskatchewan Soest. Zwei Monate später holte er Helmut Weiste in Regina mit seinem eigenen Flugzeug ab – und ließ ihn kurz nach dem Start selbst steuern.

Bei Friggstad traf europäische Berechnung auf kanadische Improvisation. Der Kontrast zwischen den beiden Partnern blieb Helmut Weiste im Gedächtnis: Bei John Deere gab es eine genaue Projektplanung und ein Team erfahrener Ingenieure. Bei Friggstad agierte ein einzelner, kreativer Konstrukteur, der seine Erfahrung als Farmer mit Begeisterung in bessere Landmaschinen umsetzte.
»Das ist gar nicht weit, liegt gleich um die Ecke.«
Zwei Brüder hatten den breitesten Air Seeder gekauft, den sich mit ACCORD-Verteilern bauen ließ: 56 Fuß, 17 Meter. Saatgut und Dünger bliesen aus der Schleuse zurück. Nach anderthalb Stunden Fahrt »gleich um die Ecke« sah Helmut Weiste durch das Ansauggitter auf das auslaufende Laufrad – es drehte rückwärts. Druckleitung und Rücklauf am Hydraulikmotor waren vertauscht. Ihren 600-PS-Traktor »HONEY BEE« hatten die beiden übrigens im Winter selbst aus Caterpillar-Komponenten zusammengebaut.
Im November 1980 brachte die Fachzeitschrift Implement & Tractor eine Titelgeschichte über »den kuriosen Weg dieser Technologie von Deutschland über Australien nach Amerika« und zählte zwölf Anbieter auf. Zehn Jahre später, auf dem Symposium Air Seeding '90 in Regina, zeigten dreizehn Hersteller ihre Maschinen im Feld – bis auf einen alle mit PNEUMATIC-Verteilern.

Das Ergebnis der Konferenz: Nur mit pneumatischer Sätechnik lassen sich die ökologischen Anforderungen erfüllen – und das bei wesentlich rationellerer Aussaat. In den USA ist es heute gesetzlich vorgeschrieben, mindestens 50 Prozent der Strohreste auf der Bodenoberfläche zu belassen.
Aus Friggstads Konkurs 1983 ging Flexi-Coil hervor: Terry Summach kaufte die Firma und holte Friggstad als Konstrukteur. In den 1990ern wurde daraus der führende Hersteller von Air-Seeding-Technologie; aus dem Air Seeder wurde die Air Drill, aus Minimum-Till wurde No-Till.

Wenn wir damals nicht umgestellt hätten, wären wir heute keine Farmer mehr.Roy und Ian Reid, Westaustralien, über die Umstellung auf Air Seeding im Jahr 1983
Der Osten: von der DDR bis Westsibirien
Der Mauerfall öffnete einen Markt, für den die breiten Maschinen aus Soest gemacht waren: LPGs mit 1.000 bis 5.000 Hektar und Schlägen von über 100 Hektar. Nur gab es keine Händler – vierzig Jahre lang war alles zentral zugeteilt worden. Also baute ACCORD ein Netz von Stützpunkthändlern auf: verkehrsgünstig gelegene LPGs und zentrale Reparaturwerkstätten, geschult nicht nur in Maschinentechnik, sondern auch in Rechnungswesen und Mehrwertsteuer.

Ende 1989 war Peter Penner, Agraringenieur aus Orenburg, mit seiner Familie nach Soest übergesiedelt. Bei einer Rundfahrt durch das Industriegebiet hatte er sich die Firma gemerkt – Landmaschinen passten zu seiner Ausbildung. Am nächsten Tag stand er in der Eingangshalle, sah eine Urkunde in Russisch, und der Marketingleiter sprach ihn an.
Im Februar 1992 fuhr eine Delegation im Nachtzug nach Kamenka, 800 Kilometer südöstlich von Moskau: drei Russen, drei Deutsche, ein Holländer, ein Amerikaner, zwei Schlafwagenabteile, Tee, Wodka und eine Diskussion über Landtechnik nach Gorbatschow. Das Ergebnis war ernüchternd – die geplante Lizenzproduktion scheiterte am Übergang von der Plan- zur Marktwirtschaft.
Also erschloss man den Markt anders: mit Maschinen aus Soest. Für die Betriebe der Ukraine fehlte eine breite, aber leichte Einzelkornsämaschine, die die vorhandenen 80-PS-Schlepper ziehen konnten. Gerd Stüttgen konstruierte den Rahmen der OPTIMA-L in einer Woche.

Peter Penner reiste in den ersten Jahren an die 200 Tage jährlich. Eine OPTIMA säte 400 bis 500 Hektar im Jahr, eine DT-Drillmaschine 1.000 bis 1.200. Das Verkaufsgebiet reichte von Kursk bis Krasnodar – über 1.000 Kilometer, fast die Länge Deutschlands – und später bis Nowosibirsk und ins Altaigebiet.
Wiedergefunden
1994 entdeckte Peter Penner im Gebiet Ivano-Frankovsk eine der vierzig DT-Drillmaschinen, die 1984 in die Sowjetunion geliefert worden waren. Der sowjetische Staat hatte sie einer Kolchose geschenkt, weil ihr junger Leiter den Betrieb erfolgreich führte. In zehn Jahren hatte die Maschine rund 6.000 Hektar gesät; verschlissen waren nur die Scharspitzen. Die zweite, in Weißrussland nachgebaute Maschine desselben Betriebs stand seit Jahren still: kein Wellrohr, verschlissenes Dosiergerät, mehrfach gebrochener Rahmen.

Im März 1993 kam eine Anfrage aus Kasachstan: Bis zum 29. des Monats sollten OPTIMA-L-Maschinen für ein staatlich gefördertes Zuckerrübenprojekt geliefert werden, weil der ursprüngliche Lieferant abgesprungen war. ACCORD gab die Fertigung frei, bevor die Regierungszustimmung vorlag. Zwölf Maschinen wurden per CAD so gebündelt, dass sie in eine IL-76 passten, und am 31. März in weniger als einer Stunde verladen. Ein Kundendienstmonteur flog nach Almaty – 6.000 Kilometer von Soest.
Anwender und Lizenznehmer
Der Erfolg des Systems beruht nicht nur auf den eigenen Maschinen. Ab 1977 belieferte ACCORD andere Hersteller mit Bausätzen – Firmen, die daraus ihre eigenen Säverfahren entwickelten. 1985 waren es 50 Einheiten, 1989 bereits 1.330: mehr als die Hälfte des gesamten Absatzes.
| Ab | Firma | Land | Was daraus wurde |
|---|---|---|---|
| 1971 | Connor Shea | Australien | Wideline Seeder – der erste Air Seeder der Welt |
| 1970 | Cantone | Italien | Supercultivator: pflügen, düngen, säen in einem Gang |
| 1972 | Mosonmagyaróvár | Ungarn | Lizenzbau der 5- und 6-m-Drillmaschinen |
| 1977 | Info-agrar (Justus) | Deutschland | Erster Anwender in Deutschland; pfluglose Bestellung |
| 1978 | Friggstad | Kanada | 48-Fuß-Air-Seeder mit »walk over wheels« |
| 1980 | Olt | Jugoslawien | Einachs-Drillmaschinen mit Scheibenscharen |
| 1981 | John Deere | USA | 665 Central Metering Seeder, später 750 A und 740 A für Europa |
| 1981 | Vicon | Niederlande | Luftsämaschine Octopus – eine frühe Plattform-Strategie |
| 1982 | Horsch | Deutschland | Sä-Exaktor, 12-m-Drillmaschine, später Sprinter |
| 1984 | Dutzi | Deutschland | Fortführung der Justus-Maschinen |
| 1986 | Rau | Deutschland | Roto-Sem: Saat in den Erdstrom des Zinkenrotors |
| 1990 | Väderstad | Schweden | Concorde, später die Rapid |
| 1992 | Tinto Industries | Simbabwe | Super-Nova mit Sternrad-Säscharen |
| 1998 | Sola | Spanien | Kultivator-Drillmaschinen für trockene Böden |
»Der Austausch von Know-how und die Kreativität auf beiden Seiten schufen die Vielzahl der spezifischen Säkombinationen, die dem Landwirt heute angeboten werden«, schreibt Helmut Weiste. Er fügt hinzu: Nicht wenige Firmen bauten das System nach, sobald die Grundpatente abgelaufen waren.





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Wo das System heute steht
In Europa stieg der Anteil pneumatischer Drillmaschinen und Säkombinationen an den verkauften Stückzahlen von 30 Prozent im Jahr 2000 auf 50 Prozent im Jahr 2012. Rechnet man die größeren Arbeitsbreiten mit, schätzte Helmut Weiste, dass fast 60 Prozent des europäischen Getreides pneumatisch gesät werden. Rund 25 europäische Hersteller nutzen das Prinzip – »einige kopieren es«.

Von den elf nordamerikanischen Herstellern von Air Seedern und Air Drills, die Helmut Weiste 2012 zusammentragen konnte, nutzten zehn das Prinzip des ACCORD-Verteilers. Nur einer, Morris, verwendete einen selbst entwickelten Flachverteiler.
